Mittwoch, 1. Dezember 2021
   

Das besondere Buch

Christoph Ransmayr: "Die letzte Welt"

Christoph Ransmayrs „Die letzte Welt“ ist ein moderner Klassiker der deutschen Literatur. 

Der Römer Cotta begibt sich auf die Suche nach dem römischen Dichter Ovid, der angeblich in seinem Exil in Tomi am Schwarzen Meer gestorben ist, und seinem verschollenen Werk der „Metamorphosen“. Einst war Ovid von der Bevölkerung Roms für sein Werk gefeiert worden, doch seine Kritik am strengen römischen Machtapparat, vor allem aber eine öffentliche Rede, bei der er es an Ehrerbietung gegenüber dem Imperator fehlen ließ, führten zu seiner Verbannung. Vor seiner Abreise soll er sein Werk den Flammen übergeben haben.

In Tomi trifft Cotta zwar nicht auf den Dichter selbst, der verschwunden zu sein scheint, aber die Spuren Ovids sind in dem von merkwürdigen Gestalten bewohnten Ort allgegenwärtig. Beschriftete Stofffahnen und in Stein gemeißelte Botschaften scheinen schwer zu deutende Hinterlassenschaften des Dichters zu sein. Die Dorfbewohner, mit denen er zusammentrifft – die Weberin Arachne, die in ihre Teppiche Erzählungen Ovids einwebt, die entstellte Nymphe Echo, mit der er ein Liebesverhältnis beginnt, sein Zimmerherr Lycaon, den er später in einer wolfsähnlichen Gestalt wiederzuerkennen glaubt -, aber auch Gestalten aus Cottas wirren Träumen, von denen er geplagt wird, scheinen geradewegs Ovids Sagenwelt entsprungen zu sein. Immer tiefer gerät Cotta in dem Dorf am Schwarzen Meer, das langsam von der Natur überwuchert wird und in dem sich Menschen, ganz wie in Ovids Erzählungen, in Steine und Vögel verwandeln, in eine rätselhafte Welt bizarrer Figuren und wunderbarer Begebenheiten, in der Rückerinnerungen an Ovids Zeit in Rom, Traumfantasien und eine zunehmend irrealer werdende Wirklichkeit einander durchdringen. Cotta droht schon bald an den Verstand zu verlieren - und löst sich am Ende in eine Romanfigur auf…

Nicht nur Realität und Sagenwelt durchdringen einander in Ransmayrs Roman. In seiner Antike gibt es Mikrofone und Konservenbüchsen, Dampfschiffe und Filmprojektoren. Rostender Schrott und feindliche Naturgewalten werden zu Bausteinen einer apokalyptisch anmutenden Szenerie, in der sich alles in Auflösung befindet und die Ransmayr mit unerhörter, fesselnder Sprachmagie vor den Augen des Lesers ausbreitet.

„Die letzte Welt“ war für mich ein unvergessliches Leseerlebnis, bei dem ich von einem staunenden Moment in den anderen getaumelt bin, - ein Erlebnis, das ich auch möglichst vielen anderen wünsche!

Unbedingt lesen!

MK


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