Sonntag, 14. August 2022
   

Das besondere Buch

Günter K. Koschorrek: "Vergiss die Zeit der Dornen nicht"

Erinnerungen deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es viele, oftmals von zweifelhaftem literarischen Wert und mit problematischer relativierender Intention und weltanschaulicher Ausrichtung. „Vergiss die Zeit der Dornen nicht“ von Günter Koschorrek gehört definitiv nicht zu diesen Machwerken. Es ist ein packend erzählter, hoch authentischer und schonungslos ehrlicher Bericht eines einfachen Soldaten, der als MG-Schütze das Vernichtungsinferno der Ostfront in vorderster Linie erlebte und überlebte. 

Die geschilderte Zeit reicht vom Spätsommer 1942, als der 19jährige Richtung Stalingrad geschickt wird, bis zum Kriegsende im Mai 1945. Seine Erinnerungen stellte der Autor erst nach fünf Jahrzehnten an Hand von Tagebucheinträgen zu einem zusammenhängenden Bericht zusammen. Das tut der Authentizität aber keinen Abbruch. Den strapaziösen Kriegsalltag mit Hunger, Schmutz, Nässe, eisiger Kälte und sengender Hitze schildert er ebenso eindringlich wie die mörderischen Kämpfe gegen die Sowjetarmee, die auch unter liebgewonnenen Kameraden immer wieder Opfer fordern. Auch seine damaligen Gefühle und Ansichten beschreibt er ohne Schönfärberei, wie er teils – wie viele – verblendet war und dann zunehmend desillusioniert wurde. Aber neben allem Grauenhaften gibt es auch immer wieder komische Momente, liest man schmunzelnd von skurrilen Begebenheiten und verschrobenen Charakteren, die Koschorrek in gekonnten Strichen skizziert. 

Denn eines ist offenkundig: Der Mann kann erzählen! Wie er, immer aus der Perspektive des einzelnen Soldaten ohne strategischen Überblick, die brutalen Kämpfe schildert, dramatische Szenen entwickelt, Atmosphäre und Spannung erzeugt oder Personen in knappen, authentischen Dialogen lebendig werden lässt – das hat durchaus literarische Qualitäten und hat mich bei der Lektüre immer wieder verblüfft und begeistert.

Man folgt den Schilderungen mit atemloser Spannung. Vieles ist schwer zu verdauen und lässt bedrückt und betroffen zurück. Aber man wird belohnt mit ungemein lebendigen Einblick in die Erlebniswelt eines einfachen Soldaten, der aufrichtig und schonungslos Zeugnis ablegt vom Wahnsinn des Krieges.

MK

 


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