Samstag, 19. September 2020
   

Das besondere Buch

Jan Karski: "Mein Bericht an die Welt"

Der polnische Widerstandskämpfer Jan Karski schildert in seinen packend zu lesenden Erinnerungen „Mein Bericht an die Welt“ seine abenteuerlichen Erlebnisse als Kurier des polnischen Untergrundstaates. Als direkter Zeuge des Holokaust war er einer der ersten, der die westlichen Alliierten über die Judenvernichtung informierte – wenn auch seine Berichte wegen der Ungeheuerlichkeit des Geschilderten zuerst nur auf Unverständnis und taube Ohren gestoßen sind.

Nach dem Überfall Hitlers auf Polen im Herbst 1939 flieht der junge polnische Offizier Jan Karski mit der zerschlagenen polnischen Armee nach Osten. Dort wird er erst von den Sowjets gefangen gehalten und später an die Deutschen ausgeliefert. In tollkühner Flucht (er springt beim Transport in ein Zwangsarbeiterlager aus dem fahrenden Zug) schlägt er sich zur polnischen Untergrundbewegung durch, die nicht nur den Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung organisiert, sondern  in Vertretung der polnischen Exilregierung einen regelrechten Staat im Untergrund aufbaut - inklusive eigener Abiturprüfungen, denn eine höhere Schulbildung war den Polen von den Besatzern versagt. Packend schildert Karski die Tätigkeitsfelder und Organisation dieses Untergrundstaates, für den er selbst als Kurier tätig ist. In geheimen und abenteuerlichen Missionen übermittelt er Nachrichten zwischen Polen, Frankreich und Großbritannien. Das liest sich atemberaubend wie ein Agententhriller und ist auch literarisch von hoher Qualität, denn Karski vermag Geschehnisse, Personen und Dialoge lebendig und plastisch zu schildern. Die Darstellung seiner Gefangennahme, Vernehmung und Folter durch die Gestapo und seiner abenteuerlichen Flucht gehört zum Spannendsten und Packendsten, was ich jemals gelesen habe.

Von jüdischen Partisanen lässt sich Karski ins Warschauer Ghetto und in das Lager Izbica einschleusen, von dem aus Züge in die Todeslager fahren. Dort wird Karski zum direkten Augenzeugen der Judenvernichtung. Die beiden Kapitel sind erschütternd zu lesen und schwer zu verdauen.

Seine Mission führt Karski schließlich nach England und Amerika, wo er unter anderem den amerikanischen Präsidenten Roosevelt über die verzweifelte Lage Polens unterrichtet und die westlichen Alliierten mit der Realität der systematischen Judenvernichtung konfrontiert. Seinen Schilderungen wird jedoch kein Glauben geschenkt, man hält sie für Übertreibungen und Gräuelpropaganda der polnischen Exilregierung. Für seine mutigen Handlungen und seine Versuche, Polen und Juden zu retten, hat ihm Israel einen Platz unter den „Gerechten unter den Völkern“ eingetragen.

Karskis „Bericht an die Welt“ ist eine ungemein packende, berührende und erschütternde Lektüre von enormer Intensität, die man streckenweise geradezu mit angehaltenem Atem liest und die noch lange in einem nachklingt.

MK

 


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