Samstag, 19. September 2020
   

Das besondere Buch

Laurence Sterne: "Tristram Shandy"

"Das Leben und die Meinungen des Tristram Shandy“ lautet der Titel von Laurence Sternes um 1760 erschienenen Roman. Aber wer hier einen biografischen Roman, eine konventionelle Lebensbeschreibung erwartet, sieht sich auf höchst unterhaltsame Weise getäuscht. Denn kaum hatte sich damals der Roman als Kunstform etabliert, stellte Sterne die literarischen Konventionen auf den Kopf. "Tristram Shandy“ ist ein Roman, der eigentlich nur aus Abschweifungen besteht: Der Erzähler unterbricht sich, reicht zu jedem Ereignis die Vorgeschichte nach, verliert sich in Anekdoten, Betrachtungen und gelehrten Exkursen und kommt atemlos vom Hundertsten in Tausendste. Kein Wunder, dass die Biografie Tristrams nicht über dessen fünftes Lebensjahr hinauskommt! 

Zwar erfahren wir im ersten Buch, wie Tristram gezeugt wird (ein etwas verpatztes Ereignis, denn im "entscheidenden Moment“ fragt Tristrams Mutter nach der Uhrzeit, zur nicht geringen Irritation des Vaters), geboren wird er aber erst im dritten Buch (wobei ihm mit der Geburtszange die Nase eingedrückt wird – zum Kummer wiederum seines Vaters, der die Form der Nase für bestimmend hält für das Schicksal eines Menschen und darüber nie zu Ende kommende gelehrsame Abhandlungen schreibt), und im fünften Buch wird Tristram im Alter von fünf Jahren durch ein herabsausendes Schiebefenster unfreiwillig beschnitten (worüber er ein Geschrei erhebt wie "fünfzigtausend Teufel“).

Einen viel größeren Raum als diese skurillen Unglücksfälle aus dem Leben des jungen Tristram Shandy nehmen, wie gesagt, die Abschweifungen, Rückblicke und eingeschobenen Erzählungen ein, in die sich der Erzähler verliert, sowie die mit Liebe gezeichneten "Neben"-Figuren und ihre Steckenpferde. Neben Tristrams Vater Walter Shandy, einem pedantischen Hausvater mit den erwähnten gelehrsamen Anwandlungen, ist das vor allem "Onkel Toby", ein empfindsamer, gutmütiger und unbedarfter Junggeselle, der besessen ist von militärischen Dingen und an allen möglichen und unmöglichen Stellen sein profundes Wissen über Schlachten und Festungsbau einflicht und der in seinem Gemüsegarten die Kriegszüge der Briten nachspielt; sein - letztlich erfolgloses - Liebeswerben um die Witwe Waldman vermag er nur als "Belagerung der Feste Waldman“ zu begreifen, nachdem ihn sein welterfahrenerer Diener Trim erst darauf hat hinweisen müssen, dass diese die "Kanonade eröffnet“ habe, also gewisse Absichten hege.

Und daneben gibt es natürlich diverse Abhandlungen, über Befestigungen, Hebammen, Namen und Nasen. Ein immer wieder versprochenes Kapitel über Knöpfe bleibt uns der Autor indessen schuldig.

"Tristram Shandy“ ist ein skurriles Lesevergnügen voller Überraschungen und wunderlicher Charaktere, ein Feuerwerk erzählerischer Einfälle und köstlich ausgemalter komischer Begebenheiten, bei dem man als Leser oft laut herausprusten muss.

Im 19. Jahrhundert vorübergehend in Misskredit geraten, wurde der Roman im 20. Jahrhundert von modernen Autoren wie Virginia Woolf und James Joyce wiederentdeckt und gilt heute als eines der Meisterwerke der englischen Literatur.

MK

 

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